75 Jahre Power: So fing es an
Donnerstag den 16.03.2017

75 Jahre Power: So fing es an

Motoren haben den gelernten Zimmermann, der auf dem elterlichen Bauernhof in dem kleinen Dorf Reichenbach im Täle aufwuchs, schon immer interessiert. So reift der Entschluss, sich als Fuhrunternehmer selbstständig zu machen. Seine Frau Anna und ihr Vater bürgen an diesem 24. Juli 1941 per Unterschrift für die Schulden. Die beiden hatten ein Jahr zuvor geheiratet, die Tochter Christl ist wenige Wochen alt. Viehhändler und Metzger sind seine ersten Auftraggeber. Doch der Jungunternehmer muss seine Tätigkeit schon 1942 einstellen. Aufgrund eines Hörschadens zunächst vom Kriegsdienst verschont, wird er nun dienstverpflichtet und sein Fahrzeug eingezogen.

Kaum aus dem Krieg zurück, nimmt er einen zweiten Anlauf, er ist eben ein ziemlicher Dickschädel. Auf dem Schrottplatz kauft sich Hugo Wiedmann einen Lkw der Marke „Kälble“ mit Holzvergaser, den er wieder fit für die Straße macht.

Kaelble

Mineralwassertransporte für die Bad Überkinger Mineralbrunnen AG, vor allem nach Bayern, halten ihn in den schweren Nachkriegsjahren über Wasser. Anna packt beim Verladen der schweren Holzkisten mit an, auch beim Spalten von Holz für den Betrieb des Lkw ist sie unermüdlich zur Stelle.

Hugo Wiedmann ist viel unterwegs, das junge Unternehmen muss am Laufen gehalten werden. Das Fahren ist kein Vergnügen. Der Sitz ist direkt auf dem Chassis festgeschraubt, eine Federung gibt es nicht, die Straßen sind im schlechten Zustand. Viele Brücken sind gesprengt. Im Sommer ist es im Führerhaus heiß, im Winter eiskalt. Diese Umstände kosten Kraft. Hugo Wiedmann bezahlt sie mit dem Verlust einer Niere.

Am Wochenende schraubt der Firmenchef Bänke auf die Ladefläche und transportiert die Überkinger Fußballmannschaft, meistens mit einer filterlosen Senoussi-Zigarette im Mundwinkel, die zu seinem Markenzeichen wird. Klappt es nicht mit dem Tore schießen, wird von ihm schon mal eine Torprämie ausgelobt. Oder er lädt die Buben zu einer Wurst und einer Flasche Limonade ein.

Disposition im Wohnzimmer

1949 kommt Sohn Gert auf die Welt. Er ist ein Frühchen, der Laster der Hugo Wiedmann Spedition transportiert nun auch Muttermilch für seine Versorgung im Ulmer Krankenhaus. Die ersten schweren Nachkriegsjahre sind überwunden, langsam geht es bergauf. Hugo Wiedmann leistet seinen eigenen kleinen Beitrag zum deutschen Wirtschaftswunder. Ab 1950 werden weitere Fahrzeuge angeschafft, ein grüner MAN Kipper und ein blauer Mercedes. Fahrer werden eingestellt, von denen Hugo, wie von sich selbst, viel verlangt. Im neuen Wohn- und Geschäftshaus an der Bahnhofsstraße 11/2 stellt ihnen die Spedition eigene Zimmer zur Verfügung – gebadet wird in der Badewanne des Chefs. Das Haus entsteht 1954, im Jahr als Deutschland Fußballweltmeister wird. Der gelernte Zimmermann packt nicht nur mit an, er baut es selbst.

Das Wohnzimmer wird zur Disposition, das neue Gebäude verfügt auch über eine Grube, die von den Fahrern selbst im Rahmen der obligatorischen Samstagsarbeit für die Reparaturen genutzt wird. Hugo Wiedmann ist es von größter Wichtigkeit, dass seine Fahrzeuge gut gewartet sind. Das Straßennetz ist noch immer schlecht, Steigungen sind ein Kraftakt, insbesondere die Kasseler Berge sind gefürchtet. Oftmals sind die Fahrzeuge ohne Wissen der Fahrer überladen. Erst wenn es dann mit maximal 10 km/h etwa den Aichelberg hochgeht, wird deutlich, mit welcher schweren Fracht man unterwegs ist. Da sind technisch einwandfreie Lkw ein großer Vorteil. Jedes Fahrzeug ist mit zwei Fahrern besetzt, Fahrer Nr. 1 ist immer für den technischen Zustand verantwortlich.

 Kinder packen mit an

Anna Wiedmann hat ein Herz für die Fahrer, sie versorgt sie regelmäßig mit Getränken und belegten Broten. Oft ist sie selbst als Beifahrerin mit an Bord, um beim Entladen der Sprudelkisten zu helfen. Auch die Kinder packen mit an. Tochter Christl besucht die Handelsschule. Am 1. Oktober 1958 steigt sie auch offiziell in die Spedition ein: als erste kaufmännische Mitarbeiterin übernimmt sie von Vater Hugo die Buchhaltung. Ende der 50er Jahre verfügt das Unternehmen über vier Fahrzeuge. Zu 90 Prozent wird Mineralwasser transportiert. Die Nutzlast der Fahrzeuge beträgt 14 Tonnen, das Gesamtgewicht 32 Tonnen.